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Menstruationsurlaub 2026: Was Recht und Wissenschaft über Periodenschmerzen sagen
Fragen & Antworten mit dem Clue Science Team

Anfang dieses Jahres wurde in einer Petition im Vereinigten Königreich ein gesetzlicher Anspruch auf bis zu drei Tage bezahlten Menstruationsurlaub pro Monat bei Erkrankungen wie Endometriose und Adenomyose gefordert. Das Thema wurde im April 2026 im Parlament behandelt. Die Regierung lehnte eine entsprechende Gesetzesänderung jedoch letztlich mit der Begründung ab, dass starke Periodenschmerzen bereits durch die allgemeine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall abgedeckt seien.
Sollte das Vereinigte Königreich dem Beispiel von Ländern mit Menstruationsurlaub wie Spanien (seit 2023) und Portugal (seit 2025) folgen?
Doch politische Regelungen sind nur ein Teil des Ganzen.
Wir haben mit Amanda Shea, PhD und Head of Science bei Clue Clue, darüber gesprochen, was für Menstruationsurlaub spricht und warum starke Periodenschmerzen am Arbeitsplatz gezielt berücksichtigt werden müssen. Wie Dr. Shea erklärt, können fortschrittliche Regelungen auf dem Papier vielversprechend aussehen. Betriebliche Maßnahmen allein können das Problem jedoch nicht lösen.
Das Wichtigste zum Thema:
Bei manchen Menschen können Menstruationsbeschwerden die Arbeitsfähigkeit erheblich beeinträchtigen, sodass eine Auszeit notwendig sein kann.
Regelungen zum Menstruationsurlaub, wie es sie in Spanien und Portugal gibt, sind ein positiver Schritt. Stigmatisierung, berufliche Unsicherheit und mangelnde Unterstützung durch Führungskräfte können Menschen jedoch davon abhalten, sie in Anspruch zu nehmen.
Sehr starke Periodenschmerzen sind für die meisten Menschen nicht typisch und können auf zugrunde liegende Erkrankungen wie Endometriose, Adenomyose, Myome oder PMDS hinweisen. Diese erfordern einen angemessenen Zugang zur Gesundheitsversorgung und entsprechende Anpassungen am Arbeitsplatz.
Eigenständige Regelungen zum Menstruationsurlaub bergen das Risiko, die Periode zu pathologisieren. Umfassende Unterstützung geht über Menstruationsurlaub hinaus und setzt stattdessen auf flexible Arbeitsmodelle und ganzheitliche Regelungen zur reproduktiven Gesundheit.
Das Tracken des Zyklus kann dabei helfen, den eigenen Körper besser zu verstehen und bessere politische Regelungen zu entwickeln. Individuelle Gesundheitsdaten müssen jedoch privat bleiben. Beschäftigte sollten niemals ihre Schmerzen oder eine Diagnose nachweisen müssen, um Unterstützung zu erhalten.
Gibt es aus wissenschaftlicher Sicht Argumente für Menstruationsurlaub?
Periodenschmerzen und damit verbundene Beschwerden können tatsächlich stark beeinträchtigen und müssen ernst genommen werden. Bei manchen Menschen können diese Beschwerden die Arbeitsfähigkeit erheblich einschränken, sodass eine Auszeit notwendig sein kann – genau wie bei anderen gesundheitlichen Beschwerden auch.
Auf dem Papier wirken Regelungen zum Menstruationsurlaub, wie sie in Spanien und Portugal eingeführt wurden, fortschrittlich. Sie sind ein wichtiger Schritt, um Menstruations- und reproduktive Gesundheit auch auf politischer Ebene anzuerkennen.
Erste Berichte deuten jedoch darauf hin, dass diese Regelungen bisher nur selten in Anspruch genommen werden. Gründe dafür könnten zumindest teilweise sein:
Anhaltende Stigmatisierung
Sorge um die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes
Die Befürchtung, als unzuverlässig oder unproduktiv wahrgenommen zu werden
Das wirft die Frage auf: Helfen solche Regelungen wirklich oder sind sie eher symbolische Maßnahmen, die Fortschritt signalisieren, ohne die notwendigen tiefergehenden kulturellen Veränderungen anzugehen?
Damit solche Regelungen tatsächlich funktionieren, muss sich auch die Arbeitskultur verändern. Viele Menschen fühlen sich nach wie vor nicht sicher dabei, über Periodenschmerzen zu sprechen – geschweige denn, eigens dafür vorgesehenen Menstruationsurlaub in Anspruch zu nehmen. Ohne wirksamen Schutz vor Diskriminierung, klare Unterstützung durch Führungskräfte und einen offeneren Umgang mit der Periode laufen solche Regelungen Gefahr, ihr Ziel zu verfehlen.
Wichtig ist außerdem: Menstruations- und reproduktive Gesundheit zu unterstützen, erfordert mehr als eine einzelne Regelung. Es braucht systemische Veränderungen, darunter:
Bessere Gesundheitsaufklärung
Mehr Forschung zu Erkrankungen, die überwiegend Frauen betreffen, und zu Behandlungsmöglichkeiten
Einen besseren Zugang zu hochwertiger Gesundheitsversorgung
Regelungen am Arbeitsplatz sind nur ein Teil eines größeren Ganzen. Wenn sie sich ausschließlich auf Freistellungen konzentrieren oder nur für eine begrenzte Zahl von Symptomen oder Diagnosen gelten, können sie viele Menschen ausschließen, die Vorstellung verstärken, Schmerzen müssten im Privaten ausgehalten werden, und die größeren Herausforderungen außer Acht lassen, denen Menschen beim Umgang mit ihrer Gesundheit begegnen.
Es ist außerdem wichtig, mit dem Mythos aufzuräumen, dass alle Menschen mit Periode Menstruationsurlaub brauchen. Die meisten haben keine starken Beschwerden, und Regelungen sollten berücksichtigen, wie unterschiedlich die Erfahrungen mit der Periode sein können. Flexiblere und inklusivere Lösungen können häufig wirksamer sein – zum Beispiel die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten, die Arbeitszeiten anzupassen oder sich für medizinische Termine freizunehmen.
Diese Bedürfnisse gehen zudem häufig über die Periode hinaus und betreffen weitere Aspekte der reproduktiven Gesundheit, etwa Kinderwunschbehandlungen, die Erholung nach einer Fehlgeburt, Unterstützung nach der Geburt und die Versorgung während der Perimenopause.
Kurz gesagt: Menstruationsurlaub kann hilfreich sein, wenn er gebraucht wird. Am wirksamsten ist er wahrscheinlich als Teil eines umfassenderen Wandels hin zu flexiblen, inklusiven und unterstützenden Arbeitsplätzen, die die unterschiedlichen Lebensrealitäten aller Beschäftigten respektieren – unabhängig davon, ob sie ihre Periode haben oder nicht.
Was wissen wir über die körperlichen und hormonellen Auswirkungen starker Menstruationsbeschwerden und darüber, wie sie die Arbeitsfähigkeit beeinflussen können?
Der Menstruationszyklus ist mit komplexen hormonellen Veränderungen verbunden, die Schmerzen, Stimmung, Energie, Schlaf, Konzentration und sogar die Funktion des Immunsystems beeinflussen können. Diese Auswirkungen unterscheiden sich stark von Mensch zu Mensch. Bei den meisten sind die Beschwerden leicht oder gut zu bewältigen. Bei anderen können sie stark beeinträchtigen – insbesondere bei Menschen mit chronischen Erkrankungen.
Schmerzen stehen häufig im Mittelpunkt. Chronische Erkrankungen wie Endometriose und Adenomyose können anhaltende starke Schmerzen verursachen. Myome können dagegen beispielsweise intensive, aber kürzer anhaltende Schmerzen oder starke Perioden verursachen. All das kann es erschweren, bequem zu sitzen, sich zu konzentrieren oder alltägliche Aufgaben zu erledigen.
Doch Schmerzen sind nur ein Teil des Ganzen. Hormonelle Veränderungen können auch andere bestehende Erkrankungen verschlimmern. Bei Menschen mit Autoimmunerkrankungen wie Lupus oder rheumatoider Arthritis, Verdauungsbeschwerden wie dem Reizdarmsyndrom oder menstrueller Migräne verschlimmern sich die Symptome häufig während bestimmter Zyklusphasen.
Auch die psychische Gesundheit kann betroffen sein. Erkrankungen wie die prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS) oder eine zyklusbedingte Verschlechterung von Depressionen oder Angststörungen können in den Tagen vor der Periode erheblichen emotionalen Leidensdruck verursachen und den Alltag stark beeinträchtigen.
Auch Lebensphasen jenseits der Menstruation, etwa die Perimenopause, bringen eigene Herausforderungen mit sich. Unvorhersehbare hormonelle Veränderungen können in dieser Zeit zu Beschwerden wie Brain-Fog-Symptomen, Schlafstörungen und Hitzewallungen führen. All das kann sich auf Wohlbefinden, Konzentration und Produktivität auswirken.
Diese Beispiele zeigen, wie eng der Menstruationszyklus mit der allgemeinen körperlichen und psychischen Gesundheit verbunden ist. Sie verdeutlichen, dass wir die Auswirkungen von Menstruation und Hormonen differenzierter betrachten müssen und flexiblere, inklusivere Regelungen am Arbeitsplatz brauchen, die den unterschiedlichen Erfahrungen von Menschen gerecht werden.
Können persönliche Daten aus dem Zyklus-Tracking, etwa von Clue, sinnvoll zur Gestaltung oder individuellen Anpassung von Regelungen zum Menstruationsurlaub beitragen?
Das Tracken des Zyklus kann ein wertvolles Hilfsmittel sein, um den eigenen Körper besser kennenzulernen. Viele Menschen, die Clue nutzen, stellen fest, dass sie Herausforderungen besser vorhersehen, Beschwerden besser bewältigen und ihren Alltag an ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden anpassen können, wenn sie Muster darin erkennen, wie sie sich im Laufe ihres Zyklus fühlen.
Das kann außerdem dazu beitragen, rechtzeitig medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen und fundiertere Gespräche mit medizinischem Fachpersonal zu führen.
Zyklusdaten sind jedoch sehr persönliche Daten und sollten privat bleiben. Niemand sollte Schmerzen oder eine Diagnose nachweisen müssen, um Menstruationsurlaub oder andere Unterstützung in Anspruch nehmen zu können. Solche Anforderungen könnten neue Hürden schaffen und unnötiges Unbehagen oder Diskriminierung am Arbeitsplatz begünstigen.
Alle Menschen verdienen Unterstützung und Flexibilität, ohne ihre Beschwerden rechtfertigen zu müssen.
Gleichzeitig können aggregierte, anonymisierte Daten aus Apps zum Zyklus-Tracking dazu beitragen, die große Bandbreite unterschiedlicher Erfahrungen mit der Periode besser zu verstehen. Diese Erkenntnisse können in inklusivere, evidenzbasierte Regelungen einfließen, die reale Bedürfnisse berücksichtigen, ohne die Privatsphäre einzelner Personen zu gefährden.
Letztlich liegt der Wert des Zyklus-Trackings darin, die Selbstbestimmung zu stärken. Werden solche Daten in größerem Umfang verantwortungsvoll genutzt, können sie außerdem zu einem umfassenderen Verständnis der Menstruationsgesundheit beitragen, das über Einheitslösungen hinausgeht und das gesamte Spektrum gelebter Erfahrungen berücksichtigt.
Wie können wir Menschen mit starken Beschwerden unterst ützen, ohne die Stigmatisierung zu verstärken oder die Periode grundsätzlich zu pathologisieren?
Hier die richtige Balance zu finden, ist entscheidend. Die meisten Menschen mit Periode müssen nicht jeden Monat freinehmen. Die Periode grundsätzlich als etwas Beeinträchtigendes darzustellen, birgt das Risiko, einen gesunden körperlichen Prozess zu pathologisieren.
Gleichzeitig bedeutet es, die Bedürfnisse von Menschen mit starken Beschwerden zu ignorieren, dass viele nicht die medizinische Versorgung, Flexibilität oder Unterstützung erhalten, die sie brauchen, um arbeiten zu können.
Menschen, die regelmäßig starke Beschwerden haben, leiden häufig an zugrunde liegenden Erkrankungen wie Endometriose, PCOS (heute PMOS), Autoimmunerkrankungen, Myomen, starken Perioden oder PMDS. Diese Erkrankungen erfordern eine rechtzeitige Diagnose, Zugang zur Gesundheitsversorgung, Krankheitsurlaub und angemessene Anpassungen am Arbeitsplatz – also dieselbe Unterstützung, die wir auch bei anderen chronischen Erkrankungen erwarten.
Menschen einfach dazu aufzufordern, jeden Monat zu Hause zu bleiben und allein mit ihren Beschwerden zurechtzukommen, ist jedoch keine ausreichende Lösung. Und Regelungen, die sich ausschließlich auf Freistellungen konzentrieren, bauen Stigmatisierung nicht unbedingt ab. Sie können sogar unbeabsichtigt die Vorstellung verstärken, die Periode sei etwas, das am Arbeitsplatz verborgen werden sollte.
Stattdessen sollte eine Regelung zur Menstruationsgesundheit Unternehmen dazu anregen, sich zu fragen: Wie können wir den Arbeitsplatz angemessen anpassen, um Menschen zu unterstützen, die trotz ihrer Beschwerden arbeiten möchten, und gleichzeitig denjenigen echte Unterstützung bieten, die vorübergehend nicht arbeiten können?
Dazu könnten gehören:
Flexible Arbeitszeiten, zum Beispiel indem Arbeit von Tagen mit Beschwerden auf Tage ohne Beschwerden verlagert wird
Die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten oder das Arbeitsumfeld anzupassen
Bezahlte Freistellung bei Bedarf, ohne persönliche Informationen oder eine Diagnose offenlegen zu müssen
Unterstützung bei weiteren Bedürfnissen im Bereich der reproduktiven Gesundheit, etwa Kinderwunsch, Erholung nach der Geburt oder Perimenopause
Saubere, private Sanitärräume und Zugang zu Periodenprodukten
Ausreichende Pausen und Möglichkeiten, sich auszuruhen
Aufklärung, um Stigmatisierung abzubauen und die Periode am Arbeitsplatz zu normalisieren
Regelungen sollten das gesamte Spektrum unterschiedlicher Erfahrungen mit der Periode berücksichtigen und soziale, kulturelle und wirtschaftliche Unterschiede einbeziehen. Außerdem sollte bedacht werden, wie solche Regelungen von der gesamten Belegschaft verstanden und wahrgenommen werden – einschließlich der Menschen, die keine Periode haben.
Unterstützung sollte inklusiv sein und nicht spalten. Sie sollte denjenigen helfen, die sie brauchen, ohne Stigmatisierung zu verstärken oder alle Menschen mit Periode so zu behandeln, als seien sie krank.
Warum ist es wichtig, dass Regierungen bei Regelungen zur Menstruationsgesundheit wissenschaftlich fundiert statt rein symbolisch vorgehen?
Regelungen, die auf den ersten Blick gut klingen, aber weder auf wissenschaftlichen Erkenntnissen noch auf den tatsächlichen Erfahrungen der Betroffenen beruhen, bleiben häufig eher symbolisch, als wirklich etwas zu bewirken. Das zeigt sich beispielsweise dort, wo Menstruationsurlaub zwar eingeführt wurde, aber kaum in Anspruch genommen wird, oder wo die Umsetzung Stereotype verstärkt, Menschen ausschließt oder unbeabsichtigte Folgen wie Stigmatisierung und Diskriminierung am Arbeitsplatz mit sich bringt.
Ein wissenschaftlich fundierter Ansatz bedeutet anzuerkennen, dass:
Menschen die Periode sehr unterschiedlich erleben
Inklusion und Intersektionalität unverzichtbar sind und Regelungen alle Menschen mit Periode unterstützen müssen
Unterstützung Hürden abbauen und keine neuen schaffen sollte, etwa durch die Pflicht, ein ärztliches Attest vorzulegen
Menstruationsgesundheit Teil umfassenderer Diskussionen über Chancengleichheit am Arbeitsplatz, den Zugang zur Gesundheitsversorgung und systemische Veränderungen sein muss
Die meisten Menschen werden nur selten Menstruationsurlaub brauchen. Im Idealfall geht Unterstützung am Arbeitsplatz mit einem besseren Zugang zur Gesundheitsversorgung, einem größeren Bewusstsein für Menstruationsgesundheit im gesamten Gesundheitssystem und höheren Investitionen in Forschung und Behandlungsmöglichkeiten einher. Wenn Menschen die Unterstützung bekommen, die sie brauchen, können sie sich nicht nur im Beruf, sondern in allen Bereichen ihres Lebens besser einbringen.
Letztlich geht es bei einer sinnvollen Menstruationspolitik nicht nur darum, Menschen eine Auszeit von der Arbeit zu ermöglichen. Es geht darum, eine Welt zu schaffen, in der sie sich gar nicht erst aus dem Arbeitsleben zurückziehen müssen.