Foto: Pexels
Cycle Syncing bei der Arbeit: Was die Wissenschaft wirklich über Produktivität sagt
Fragen & Antworten mit dem Clue Science Team
Du hast wahrscheinlich schon von „Zyklus-Syncing“ gehört – also der Idee, Ernährung, Sport und Alltag daran anzupassen, in welcher Phase deines Menstruationszyklus du dich gerade befindest.
Zyklus-Syncing bei der Arbeit klingt besonders verlockend: Es verspricht mehr Produktivität und weniger Burnout. Aber steckt wirklich Wissenschaft hinter diesem Trend? Oder besteht die Gefahr, dass dadurch die problematische Vorstellung verstärkt wird, Menschen mit Zyklus seien bei der Arbeit weniger zuverlässig?
Wir trennen Fakten vom Social-Media-Hype und schauen uns an, was tatsächlich hilfreich sein kann und wie ein besseres Bewusstsein für den eigenen Zyklus dich im Berufsleben unterstützen kann, ohne zusätzlichen Druck zu erzeugen.
Wir haben mit Dr. Cornelia Hainer, Director of Science bei Clue, über die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Zyklus-Syncing, mögliche Vorteile im Arbeitsalltag und darüber gesprochen, wie du Zyklusbewusstsein als hilfreiches Werkzeug für dich nutzen kannst.
Wichtigste Erkenntnisse:
Hormonelle Veränderungen im Laufe des Menstruationszyklus können Stimmung, Energie, Schlaf und Konzentration beeinflussen. Wie du dich fühlst, hängt aber auch von Faktoren wie Stress, Ernährung und deinem Umfeld ab.
Hormonelle Veränderungen können sich leicht auf kognitive Fähigkeiten auswirken. Menstruationsbeschwerden wie Schmerzen, Erschöpfung und schlechter Schlaf haben jedoch wahrscheinlich eher vorübergehende Auswirkungen auf Konzentration und Produktivität.
Wenn du deinen Zyklus trackst, kannst du persönliche Muster bei Motivation, Kreativität und Konzentration erkennen und deine Arbeit flexibel daran anpassen.
Zyklus-Syncing kann dabei helfen, dich und deinen Körper besser zu verstehen. Problematisch wird es, wenn es zu einem starren Regelwerk dafür wird, wie du je nach Zyklusphase arbeiten oder dich verhalten „solltest“.
Was verursacht Veränderungen bei Energie und Stimmung während des Menstruationszyklus?
Die meisten Frauen und Menschen mit Zyklus erleben in den verschiedenen Zyklusphasen spürbare körperliche und emotionale Veränderungen. Wie sich diese anfühlen, ist von Person zu Person und sogar von Zyklus zu Zyklus unterschiedlich.
Der Hauptgrund dafür sind Schwankungen von Östrogen und Progesteron. Diese Hormone regulieren nicht nur Uterus und Eierstöcke, sondern interagieren auch mit Neurotransmittern im Gehirn wie Serotonin, GABA und Dopamin. Dadurch können sie Stimmung, Schlaf, Energie und andere Aspekte des Wohlbefindens beeinflussen.
Allerdings lässt sich nicht jede Veränderung deines Befindens auf die hormonellen Schwankungen deines Zyklus zurückführen. Auch alltägliche Faktoren können Stimmung und Energie stark beeinflussen, zum Beispiel:
Tagesablauf
Schlafqualität und Schlafgewohnheiten
Ernährung und Flüssigkeitszufuhr
Soziales Umfeld und Arbeitsbelastung
Wenn du deinen Zyklus trackst und dabei festhältst, wie du dich fühlst, kannst du leichter Muster bei Stimmung, Energie oder Konzentration erkennen. Mit der Zeit kannst du so besser verstehen, wie hormonelle Veränderungen möglicherweise mit deinem Befinden zusammenhängen, und deinen Alltag stärker an deinen eigenen Rhythmus anpassen, statt dich über deine Bedürfnisse hinwegzusetzen oder sie zu ignorieren.
Mit der Funktion Einblicke in deine Zyklusphasen von Clue im Analyse-Tab kannst du besser verstehen, wie hormonelle Veränderungen mit deinen persönlichen Erfahrungen zusammenhängen können. Du erhältst in Echtzeit Informationen darüber, was hormonell in den einzelnen Phasen deines Zyklus passiert und wie sich das auf Stimmung, Energie, Konzentration und andere Erfahrungen auswirken kann. Außerdem erhältst du Einblicke in häufige Erfahrungen aus der Clue Community.
Wie beeinflussen die verschiedenen Zyklusphasen Energie und Stimmung?
Auch wenn jeder Mensch seinen Zyklus anders erlebt, zeigen sich sowohl in der wissenschaftlichen Forschung als auch in den zusammengefassten, anonymisierten Daten der Clue Community deutliche Trends.
In der späten Follikelphase (nach der Menstruation und vor dem Eisprung), wenn der Östrogenspi:gel steigt, berichten viele Menschen von besserer Stimmung, mehr Energie und Motivation. In den Daten von Clue sehen wir, dass „glücklich“ in der späten Follikelphase am häufigsten als Gefühl getrackt wird.
In der Lutealphase (nach dem Eisprung bis zur nächsten Periode), wenn der Progesteronspiegel höher ist, berichten viele Menschen, dass sie müder sind. Ein hoher Progesteronspiegel kann außerdem die Schlafqualität beeinträchtigen und zu unruhigem oder weniger erholsamem Schlaf führen.
Wenn der Hormonspiegel gegen Ende des Zyklus sinkt, treten häufig Reizbarkeit und Stimmungsschwankungen auf. Viele Clue Nutzer:innen tracken in dieser Zeit das Gefühl „sensibel“.
Wie empfindlich jemand auf hormonelle Veränderungen reagiert, ist jedoch sehr unterschiedlich. Manche Menschen erleben deutliche zyklusbedingte Veränderungen, während andere im Laufe ihres Zyklus kaum größere Unterschiede bemerken. Beides kann völlig normal sein.
Kann die Zyklusphase kognitive Fähigkeiten beeinflussen, die bei der Arbeit eine Rolle spielen?
Hormonelle Veränderungen können bestimmte Aspekte der kognitiven Leistungsfähigkeit beeinflussen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Menschen mit Zyklus grundsätzlich weniger leistungsfähig sind.
Studien zeigen, dass Östrogen und Progesteron die Struktur und Funktion des Gehirns sowie die Kommunikation zwischen bestimmten Hirnregionen beeinflussen können. Das kann sich auf Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Emotionsregulation auswirken. Diese Effekte sind jedoch gering, unterscheiden sich von Person zu Person und bedeuten nicht, dass die allgemeine Leistungsfähigkeit im Laufe des Zyklus grundsätzlich steigt oder sinkt.
Deutlicher zeigt sich hingegen, dass Beschwerden wie Schmerzen, Erschöpfung oder Stimmungsschwankungen – insbesondere vor und während der Periode – Konzentration und Produktivität vorübergehend beeinträchtigen können.
Eine im British Medical Journal veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass eher diese Beschwerden – und nicht allein die Periode selbst – die Produktivität bei der Arbeit oder in der Schule beeinträchtigen.
Lohnt es sich, die Arbeit nach Möglichkeit an die verschiedenen Phasen des zyklus anzupassen? Kann es die Produktivität steigern, den eigenen Zyklus zu tracken und die Arbeit entsprechend zu planen?
Für manche Menschen ja. Wenn du bei Motivation, Kreativität oder Konzentration deutliche Muster bemerkst, kann es dir die Arbeit erleichtern und deine Produktivität steigern, bestimmte Aufgaben an deinen Zyklus anzupassen.
Wenn du deinen Zyklus mindestens drei Zyklen lang mit Clue trackst, kannst du solche Muster erkennen. Viele Clue Nutzer:innen berichten, dass sie sich in der Follikelphase besonders motiviert und kreativ fühlen – vor allem kurz vor dem Eisprung. Wenn das auch bei dir der Fall ist, könnte diese Zeit gut für Brainstormings, wichtige Meetings oder intensive Zusammenarbeit geeignet sein.
Einige Studien deuten außerdem darauf hin, dass die Kreativität rund um den Eisprung ihren Höhepunkt erreichen kann. In der Lutealphase, wenn der Progesteronspiegel höher ist, können manchen Menschen Aufgaben leichter fallen, die intensive Konzentration oder besondere Aufmerksamkeit für Details erfordern.
Bei diesem Ansatz sollte es nicht darum gehen, alles starr zu optimieren. Das kann Stress verursachen und zusätzlichen Druck erzeugen. Vielmehr geht es darum, dich selbst besser zu verstehen und verständnisvoll mit dir umzugehen. Wenn du deinen Zyklus bei deiner Planung berücksichtigst, kann das den Stress reduzieren, von niedriger Energie, Stimmungsschwankungen oder anderen zyklusbedingten Beschwerden „überrascht“ zu werden. Gleichzeitig kann es dir das Gefühl geben, deine Zeit und dein Wohlbefinden stärker selbst gestalten zu können.
Unternehmen können dazu beitragen, indem sie über Menstruationsgesundheit informieren, flexible Arbeitsmodelle anbieten und Gespräche über zyklusbedingte Bedürfnisse normalisieren. Flexibilität und unterstützende Regelungen am Arbeitsplatz können Menschen dabei helfen, mit Menstruationsbeschwerden umzugehen, ohne zwischen ihrer Gesundheit und ihrer Arbeit wählen zu müssen.
Sind Trends wie „Zyklus-Syncing“ positiv oder können sie negative Geschlechterstereotype verstärken?
Das hängt vor allem davon ab, wie darüber gesprochen und damit umgegangen wird.
Zyklus-Syncing kann sehr positiv sein, wenn es dazu dient, sich selbst besser zu verstehen und selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen. Es kann Menschen helfen, ihren persönlichen Rhythmus besser kennenzulernen, Beschwerden frühzeitig zu erkennen und Stigmatisierung abzubauen.
Dieses Wissen stärkt das Verständnis für den eigenen Körper und die Selbstbestimmung – beides steht im Mittelpunkt unserer Arbeit bei Clue.
Zyklus-Syncing kann jedoch auch problematisch eingesetzt werden. Wenn daraus ein Regelwerk dafür wird, wie Menschen in bestimmten Zyklusphasen arbeiten oder sich verhalten „sollten“, kann das Vorurteile verstärken – etwa die Vorstellung, dass Menschen mit Zyklus zu bestimmten Zeiten im Monat unzuverlässig oder weniger leistungsfähig seien.
Es kann schädlich sein, davon auszugehen, dass Menschen mit Zyklus härter arbeiten oder sich stärker optimieren müssen, um vermeintliche Auswirkungen ihres Zyklus auszugleichen.
Zyklus-Syncing sollte individuell, flexibel und freiwillig sein. Persönliche Muster unterscheiden sich genauso wie die Art und Weise, wie Hormone sich auf einzelne Menschen auswirken. Niemand sollte sich unter Druck gesetzt fühlen, sich zu „optimieren“, oder ein schlechtes Gewissen haben, wenn die eigene Arbeit nicht an den Zyklus angepasst wird.
„Du bist gerade in deiner Lutealphase, also wirst du wahrscheinlich weniger produktiv sein.“ – Das ist keine Unterstützung, sondern Diskriminierung.
Zyklus-Syncing ist also nicht grundsätzlich problematisch – im Gegenteil, es kann sehr hilfreich sein, wenn differenziert und individuell damit umgegangen wird und ausreichend Wissen über mögliche Risiken vorhanden ist.
Welche weiteren Vorteile hat es, den Zyklus zu tracken?
Wenn du deinen Zyklus trackst, kannst du deinen Körper besser verstehen, Beschwerden frühzeitig erkennen und dein körperliches und psychisches Wohlbefinden unterstützen. Für viele geht es dabei ganz einfach darum zu wissen, wann die nächste Periode zu erwarten ist, damit sie sich darauf vorbereiten oder entsprechend planen können.
Andere nutzen Zyklustracking, um Zusammenhänge zwischen ihrem Zyklus und Erfahrungen wie Schlafqualität, Stimmung oder Energie zu erkennen. Wenn du solche Muster kennst, kann das Unsicherheit und Stress reduzieren und dir helfen, deine Aktivitäten stärker an deinen Zyklus anzupassen.
Dir zu erlauben, dich auszuruhen, wenn Krämpfe oder Erschöpfung auftreten, ist bereits eine wertvolle Form der Selbstfürsorge.
Jeder Zyklus ist anders – von der Zyklusdauer und Blutungsstärke bis hin zu den auftretenden Beschwerden. Dein Zyklus ist außerdem ein wichtiger Indikator für deine Gesundheit. Unregelmäßigkeiten oder plötzliche Veränderungen können ein frühes Anzeichen für ein gesundheitliches Problem sein.
Durch das Tracken lernst du, was für dich typisch ist. So kannst du Veränderungen leichter erkennen und mit medizinischem Fachpersonal darüber sprechen.
Zyklustracking kann dich außerdem bei deinen Fruchtbarkeitszielen unterstützen – unabhängig davon, ob du schwanger werden oder eine Schwangerschaft vermeiden möchtest. Es kann dir helfen, besser zu verstehen, wann die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft höher oder niedriger ist.
Hinweis: Bitte beachte, dass die Clue App nicht zur Schwangerschaftsverhütung entwickelt wurde und nicht sicher als Verhütungsmethode verwendet werden kann.
