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Periodenschmerzen und chronische Schmerzen bei Teenagern
Q&A mit einer Expertin zu Ursachen, Risiken & Behandlungen
Starke Periodenschmerzen bei Teenagern können mit einem höheren Risiko für chronische Schmerzen im späteren Leben zusammenhängen, wie aktuelle Forschungsergebnisse und Berichte zeigen. Während leichte Periodenkrämpfe in der Pubertät normal sind, sind anhaltende oder starke Schmerzen während der Menstruation nicht typisch und können auf zugrunde liegende Erkrankungen wie Endometriose hinweisen.
In diesem Experten-Q&A erklärt Dr. Cornelia Hainer, wissenschaftliche Leiterin bei Clue, was Periodenschmerzen bei Teenagern verursacht, welche Symptome Warnzeichen sind und wie man Menstruationsschmerzen frühzeitig und evidenzbasiert behandeln kann.
1. Was ist der Zusammenhang zwischen starken Periodenschmerzen im Jugendalter und chronischen Schmerzen im Erwachsenenalter?
Neueste Forschungsergebnisse zeigen einen starken Zusammenhang zwischen starken Periodenschmerzen im Jugendalter und chronischen Schmerzen im späteren Leben. Eine große britische Studie ergab, dass 15-Jährige mit mäßigen bis starken Periodenschmerzen (Dysmenorrhö) mit einer um 76 % höheren Wahrscheinlichkeit im Alter von 26 Jahren über chronische Schmerzen berichteten als diejenigen ohne Periodenschmerzen. Bei denjenigen mit mäßigen Schmerzen war das Risiko um etwa 65 % höher.
Diese Studie war ein Weckruf: Sie deutet darauf hin, dass starke Periodenschmerzen in der Jugend das Nervensystem so beeinflussen können, dass später chronische Schmerzen wahrscheinlicher werden.
Die wissenschaftliche Erklärung dafür liegt wahrscheinlich darin, wie sich wiederholte Schmerzsignale auf das sich entwickelnde Gehirn von Jugendlichen auswirken. Die Pubertät ist eine Zeit erhöhter Neuroplastizität, was bedeutet, dass das Gehirn und das Nervensystem noch reifen und sehr anpassungsfähig sind. Wenn jemand in diesen prägenden Jahren Monat für Monat starke Krämpfe hat, könnte dies laut dieser Theorie die Schmerzbahnen „neu verdrahten”. Mit der Zeit könnte der Körper insgesamt empfindlicher für Schmerzen werden.
Eine aktuelle Studie von Forschern der Universität Oxford stützt diese These: anhaltende Periodensschmerzen während der Pubertät können langfristige Veränderungen in der Art und Weise verursachen, wie der Körper Schmerzen verarbeitet. Bemerkenswert ist, dass die Studie einen Zusammenhang nicht nur mit Unterleibsschmerzen, sondern auch mit Erkrankungen wie chronischen Kopfschmerzen und Gelenkschmerzen im späteren Leben feststellte. Periodenschmerzen könnten also eine Art Welleneffekt auf die allgemeine Schmerzwahrnehmung haben.
Auch wenn noch mehr Forschung nötig ist, ist die Botschaft klar: starke Periodenschmerzen bei Teenagern sind nicht trivial oder etwas, das man einfach hinnehmen sollte – frühzeitige Unterstützung und Behandlung sind wichtig. Unbehandelte mittelschwere bis starke Schmerzen in der Pubertät könnten die Grundlage für chronische Schmerzen im Erwachsenenalter bilden.
2. Wann werden Periodenschmerzen bei Teenagern von „normal” zu einem Warnzeichen für zukünftige chronische Schmerzen?
Leichte Periodenschmerzen können normal sein, aber Schmerzen, die das Leben eines Teenagers beeinträchtigen, sind es nicht. Periodenschmerzen gibt es in vielen Formen: typisch sind leichte Schmerzen, die erträglich sind und ein oder zwei Tage dauern. Am anderen Ende der Skala stehen starke Schmerzen, die dazu führen, dass man die Schule schwänzt, Aktivitäten ausfallen lässt oder sich mit einem Heizkissen im Bett zusammenrollt.

Schmerzen, die sich mit rezeptfreien Schmerzmitteln wie Ibuprofen nicht bessern, oder wenn die Schmerzen so stark sind, dass man seinen Alltag nicht bewältigen kann, sind ein deutliches Warnsignal. Periodenschmerzen sollten niemals lähmend sein. Schmerzen, die regelmäßig zu Erbrechen oder Ohnmacht führen oder einen von den üblichen Aktivitäten abhalten, liegen außerhalb des „normalen” Bereichs und sollten von medizinischem Fachpersonal untersucht werden.
Eine aktuelle Studie der Universität Oxford hat gezeigt, dass schon mittlere Periodenschmerzen im Alter von 15 Jahren (nicht nur starke Schmerzen) mit einem höheren Risiko für chronische Schmerzen im Alter von 26 Jahren zusammenhängen. Gelegentlich kann es zu starken Periodenschmerzen kommen. Wenn jedoch fast jeder Zyklus mit starken Schmerzen einhergeht, sollte man das nicht ignorieren. Anhaltende mäßige bis starke Schmerzen sind ein Signal deines Körpers, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte. Wenn Teenager ihre Krämpfe also als mehr als nur eine leichte Belästigung empfinden, die maximale Dosis an Schmerzmitteln einnehmen oder die Schule schwänzen, ist es Zeit, einen Arzt oder eine Ärztin aufzusuchen.
Das Ignorieren von Schmerzen verlängert nicht nur das Leiden, sondern kann, wie diese Studie zeigt, auch langfristige gesundheitliche Folgen haben. Abgesehen von den körperlichen Risiken chronischer Schmerzen gibt es echte soziale, psychologische und bildungsbezogene Kosten, wenn junge Menschen ohne Unterstützung mit starken Periodenschmerzen zurechtkommen müssen. Schmerzen sollten niemals als normal angesehen werden.
3. Was sind Anzeichen dafür, dass Periodenschmerzen ein Symptom für etwas Schwerwiegenderes sein könnten, wie Endometriose oder ein hormonelles Ungleichgewicht?
Einige Periodenschmerzen sind normal und kein Grund zur Sorge, aber wenn sie das tägliche Leben beeinträchtigen, sollte man darauf achten. Hier sind einige Anzeichen, auf die man achten sollte:
Den Unterschied kennen: primäre Dysmenorrhö sind typische Periodenchmerzen, während sekundäre Dysmenorrhö durch eine Grunderkrankung verursacht werden können –dies kann Endometriose sein.
Starke oder sich verschlimmernde Schmerzen: wenn die Krämpfe schon Tage vor der Blutung anfangen, während der gesamten Periode anhalten oder jedes Jahr schlimmer werden, sollte man mit einem Arzt oder einer Ärztin darüber reden.
Wenn Medikamente wie Ibuprofen oder Naproxen oder hormonelle Verhütungsmittel nicht helfen, solltest du dich untersuchen lassen. Untersuchungen zeigen, dass bei etwa zwei Dritteln der Teenager mit anhaltenden Schmerzen später Endometriose diagnostiziert wird.
Schmerzen außerhalb der Periode: Beckenschmerzen zu anderen Zeiten des Zyklus oder beim Sex sind nicht normal und sollten untersucht werden.
Andere Warnzeichen: achte auf schmerzhaften Stuhlgang oder schmerzhaftes Wasserlassen während der Periode, Blähungen, Schmerzen, die in den Rücken oder die Beine ausstrahlen, oder sehr starke Blutungen (stündliches Wechseln von Binden/Tampons, große Blutgerinnsel oder Blutungen, die länger als 8 Tage dauern). Unregelmäßige oder ungewöhnlich starke Perioden können auch auf hormonelle Probleme wie PCOS oder Schilddrüsenerkrankungen hinweisen. Clue-Studien zeigen, dass die Wahrnehmung von „starken Perioden” nicht nur mit einer längeren Periode und einer höheren Anzahl von Tagen mit starker Blutung zusammenhängt, sondern auch mit stärkeren Schmerzen und anderen körperlichen Symptomen wie Müdigkeit und Verdauungsproblemen.
Beeinträchtigung des Alltags: wenn Schmerzen dazu führen, dass ein Teenager die Schule, Sport oder soziale Aktivitäten verpasst, ist das ein ernstes Zeichen. Eine frühzeitige Behandlung kann chronischen Schmerzen vorbeugen und die Fruchtbarkeit schützen.
Vertraue deinem Instinkt: ich sage jungen Menschen und Eltern immer: Du kennst deinen Körper. Wenn du den Verdacht hast, dass etwas nicht stimmt, vertraue deinem Instinkt und suche eine medizinische Fachkraft auf. Das Erfassen der Symptome in einer App wie Clue kann dabei helfen, Muster zu erkennen, Vorhersagen zu treffen und deiner medizinischen Fachkraft konkrete Daten zu liefern.
4. Wie lassen sich Periodenschmerzen am besten behandeln?
Die besten evidenzbasierten Methoden, die ich zur Behandlung von Periodenschmerzen empfehle:
Nichtsteroidale entzündungshemmende Medikamente: Ich empfehle oft Ibuprofen oder Naproxen, weil sie die Chemikalien blockieren, die Krämpfe verursachen. Die regelmäßige Einnahme (z. B. 400–600 mg Ibuprofen alle 6 Stunden an den schlimmsten Tagen), besonders zu Beginn der Periode, kann bei mittelstarken bis starken Schmerzen echt helfen. Studien zeigen, dass diese Entzündungshemmer etwa der Hälfte derjenigen mit schmerzhaften Perioden Linderung verschaffen. Sie sind effektiver, wenn du sie frühzeitig einnimmst, bevor die Schmerzen unerträglich werden.
Hormonelle Verhütungsmittel: für Teenager mit stärkeren Schmerzen können Optionen wie die Pille, das Pflaster, der Ring oder reine Gestagenpräparate (Spirale, Implantat oder Spritze) einen großen Unterschied machen. Sie regulieren die Hormone, schwächen die Regelblutung ab oder stoppen sie manchmal sogar ganz. Ich empfehle, diese Möglichkeiten mit einer medizinischen Fachkraft zu besprechen, um herauszufinden, was für dich das Richtige ist.
Wärme und Hausmittel: ich sage den Leuten, dass einfache Dinge wie ein warmes Bad, ein Heizkissen oder ein Wärmepflaster fast genauso gut helfen können wie Medikamente. Ausreichend trinken, regelmäßig essen und wenig Salz oder Koffein zu sich nehmen kann Blähungen reduzieren. Einige Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamin B1 oder Magnesium können ebenfalls helfen – aber frag vorher deinen Gesundheitsdienstleister.
Bewegung und Entspannung: selbst leichte Bewegung wie Spazierengehen, Stretching oder Yoga kann Krämpfe lindern, indem es Endorphine freisetzt und die Durchblutung verbessert. Entspannungstechniken, tiefes Atmen oder ein TENS-Gerät (transkutane elektrische Nervenstimulation) können bei manchen Menschen ebenfalls Linderung verschaffen.
Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankungen: wenn Periodenschmerzen durch Erkrankungen wie Endometriose, Adenomyose oder Myome verursacht werden, müssen wir manchmal über die Linderung der Symptome hinausgehen. Hormontherapien sind oft der erste Schritt, und in bestätigten Fällen kann eine laparoskopische Operation Läsionen entfernen und langfristig zur Schmerzbehandlung beitragen.
5. Was genau verursacht Periodenschmerzen und warum treten sie bei Teenagern so häufig auf?
Periodenschmerzen (Dysmenorrhö) haben eine gut verstandene biologische Ursache. Während der Menstruation zieht sich die Gebärmutter zusammen, um ihre Schleimhaut auszustoßen. Dies wird durch Prostaglandine gesteuert, hormonähnliche Chemikalien, die während der Periode in der Gebärmutter ausgeschüttet werden. Prostaglandine bewirken, dass sich die Gebärmuttermuskulatur zusammenzieht und die Blutgefäße verengt werden. Wenn der Körper viele davon ausschüttet, werden die Kontraktionen intensiver, was zu Krämpfen führt. Bei manchen Menschen können höhere Prostaglandinwerte auch andere Symptome wie Übelkeit, Durchfall oder Kopfschmerzen verursachen.
Periodenschmerzen sind ziemlich häufig, vor allem bei Teenagern. Dysmenorrhö tritt am häufigsten in der Pubertät und im frühen Erwachsenenalter auf. Zwischen 50 % und über 90 % der Teenager haben in gewissem Maße Menstruationskrämpfe. Tatsächlich sind Periodenschmerzen in vielen Ländern der Hauptgrund für Fehlzeiten in der Schule bei Mädchen im Teenageralter.
In der Pubertät sind anovulatorische Zyklen (keine Eizellenfreisetzung) häufiger, die oft weniger Krämpfe verursachen. Sobald jedoch der Eisprung und der vollständige Hormonzyklus etabliert sind, tritt häufig eine primäre Dysmenorrhö auf. Die Gebärmutter von Teenagern kann auch etwas empfindlicher auf Prostaglandine reagieren. Die gute Nachricht ist, dass sich Periodenschmerzen mit zunehmendem Alter oft bessern. Einige werden jedoch weiterhin unter schmerzhaften Perioden leiden, darunter auch Fälle mit Grunderkrankungen wie Endometriose.
Häufig vorkommend heißt nicht, dass man es ignorieren sollte. Klar, die meisten Teenager haben Krämpfe während ihrer Periode. Aber häufig vorkommend ist nicht gleichbedeutend mit normal, wenn es um die Gesundheit geht. Wenn eine Teenagerin unter schmerzhaften Perioden leidet, die ihre Lebensqualität beeinträchtigen, sollte man sich damit befassen und es nicht einfach abtun.
6. Was sind die effektivsten Methoden zur Behandlung von mittelschweren bis starken Periodenschmerzen bei Teenagern?
Die besten Behandlungen für mittelschwere bis starke Periodenschmerzen bei Teenagern sind individuell unterschiedlich. Einem Teenager helfen vielleicht schon Entzündungshemmer und ein Heizkissen. Einem anderen hilft vielleicht eher die Pille.
Die Behandlung muss individuell angepasst werden, aber Mittel wie entzündungshemmende Schmerzmittel, Hormonregulierung und unterstützende Therapien sind bei den meisten Teenagern effektiv. Wenn das nicht der Fall ist, sollte man sich an einen Spezialisten wenden, um eine weitergehende Behandlung zu bekommen.
7. Wie schädlich ist die Überzeugung, dass Periodenschmerzen normal sind und einfach ertragen werden sollten?
Starke Periodenschmerzen als „normal” abzutun, ist schädlich. Wenn Teenagern gesagt wird, sie sollten die Schmerzen einfach ertragen, hält das sie davon ab, Hilfe zu suchen, kann die Diagnose schwerwiegender Erkrankungen wie Endometriose verzögern und sogar den Grundstein für chronische Schmerzen im Erwachsenenalter legen.
Diese Denkweise spiegelt auch ein allgemeineres Problem der geschlechtsspezifischen Vorurteile im Gesundheitswesen wider. Die Schmerzen von Frauen und Mädchen werden oft heruntergespielt oder ignoriert – ein Phänomen, das bereits als „Medical Gaslighting“ bezeichnet wird und dazu führt, dass Erkrankungen jahrelang nicht diagnostiziert werden.
Periodenschmerzen sollten wie alle anderen Schmerzen ernst genommen werden: Sie verdienen Anerkennung, medizinische Abklärung sowie eine einfühlsame und wirksame Behandlung.
Wichtige Erkenntnisse
Starke Periodenschmerzen bei Teenagern können auf zugrunde liegende Erkrankungen hinweisen und das Risiko für chronische Schmerzen im späteren Leben erhöhen. Früherkennung, Tracking mit Tools wie Clue und evidenzbasierte Behandlungen machen einen echten Unterschied. Clue hilft dir dabei, deine Daten in ein leistungsstarkes Tool zur Überwachung deines Zyklus zu verwandeln, damit du deinen Körper besser verstehen und deine Symptome klar mit Gesundheitsdienstleistern kommunizieren kannst. Eltern und Teenager sollten Schmerzen ernst nehmen, professionelle Hilfe in Anspruch nehmen und die Vorstellung ablehnen, dass sie einfach ertragen werden müssen.
Schmerzen sind real – behandle sie wie jedes andere Gesundheitsproblem.
