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Illustration einer Frau mit mehreren Armen, die mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigt

Illustration: Marta Pucci

Muttersein ist kompliziert

Was bedeutet es eigentlich, Mutter zu sein? So einfach ist die Antwort nicht.

Muttersein ist Beziehung, gesellschaftliches Konstrukt, Vollzeitjob und Identität zugleich. Schätzungsweise 85 % der Frauen haben ein Kind geboren (1). Damit spielt das Muttersein – oder zumindest der Gedanke daran – im Leben der meisten Frauen eine wichtige Rolle.

In der Popkultur wird das Bild vom Muttersein oft von den Vorstellungen weißer Frauen aus der Mittelschicht geprägt. Mütter gelten häufig als „kompetent“ und „fürsorglich“ und werden für diese Eigenschaften bewundert (2). In Filmen und Serien opfern sie alles, um für ihre Kinder da zu sein. Doch dieses Bild wird längst nicht allen Müttern gerecht. Jede erlebt das Muttersein anders, und für jede Person bedeutet es etwas anderes.

Schauen wir uns einige Seiten des Mutterseins an, die nicht dem üblichen Bild entsprechen und in den Medien kaum vorkommen.

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Muttersein ist nicht immer eine Frage der Biologie

Natürlich hat das Muttersein auch eine biologische Seite. Damit bei der menschlichen Fortpflanzung ein Embryo entstehen kann, braucht es genetisches Material von einer Person mit XX-Chromosomen und einer Person mit XY-Chromosomen (3). Um eine Schwangerschaft auszutragen und ein Kind zur Welt zu bringen, müssen außerdem bestimmte anatomische und körperliche Voraussetzungen erfüllt sein (3). Nach der Geburt beeinflussen bestimmte Hormone, wie Eltern eine Bindung zu ihrem Kind aufbauen (4). Doch auch wenn biologische Vorgänge nötig sind, damit ein Kind entstehen und geboren werden kann, ist keiner davon eine Voraussetzung dafür, Mutter zu sein.

Es gibt viele Wege, Mutter zu werden, die nichts mit biologischer Verwandtschaft zu tun haben. Oft übernehmen Menschen die Aufgaben und die Verantwortung einer Mutter, obwohl sie das Kind nicht selbst zur Welt gebracht haben. Rund 10 % der Kinder wachsen bei ihren Großeltern auf, etwa 3 % bei anderen Familienangehörigen (5). In den USA werden jedes Jahr mehr als 100.000 Kinder adoptiert (6). Etwa 16 % der Kinder in den USA leben mit einem Stiefelternteil, Stiefgeschwistern oder Halbgeschwistern zusammen (7). In Großbritannien leben fast 60.000 Kinder bei Pflegeeltern, mit denen sie biologisch nicht verwandt sind (8). Weltweit sind Millionen Kinder mithilfe der Reproduktionsmedizin zur Welt gekommen, teilweise durch die Verwendung von gespendeten Eizellen oder Spermien (9). Auch Männer können Mütter sein (10). Trans Männer und andere Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht den traditionellen Geschlechternormen entspricht, können schwanger werden und Kinder zur Welt bringen. Ihre Wünsche und Vorstellungen vom Elternsein ähneln dabei oft denen von cisgeschlechtlichen Müttern (11).

Muttersein bedeutet, ein Kind zu lieben und Verantwortung für es zu übernehmen. Die meisten Mütter würden dir wohl sagen: Woher die DNA ihres Kindes stammt, spielt dabei keine Rolle.

Nicht jede Frau möchte Mutter werden

Manche Menschen verspüren einfach keinen Wunsch, Mutter zu werden. Andere möchten sich lieber auf andere Dinge im Leben konzentrieren. Eine gute Ausbildung und die berufliche Karriere gehören zu den wichtigsten Gründen, warum sich Frauen bewusst gegen Kinder entscheiden (12, 13). Von den Frauen zwischen 40 und 44 Jahren, die keine Kinder haben, geben etwa 13 % an, sich freiwillig dafür entschieden zu haben (14). Über alle Altersgruppen hinweg entscheiden sich rund 6 % der Frauen bewusst für ein Leben ohne Kinder (1). Muttersein ist eben nicht für jede Person das Richtige. Und obwohl die Entscheidung, kinderfrei zu leben, ein selbstbestimmter und bestärkender Schritt sein kann, werden Menschen ohne Kinderwunsch häufig als egoistisch oder materialistisch abgestempelt und für ihre Entscheidung verurteilt (2).

Für Frauen, die bereits Mütter sind, ist es nach wie vor ein Tabu, das Muttersein zu bereuen. Dabei ist es wichtig anzuerkennen, dass manche Frauen ihre Entscheidung, Mutter zu werden, tatsächlich bereuen. Einige werden gegen ihren Willen Mütter, etwa infolge einer Vergewaltigung, durch Zwang oder weil sie keinen Zugang zu einem Schwangerschaftsabbruch hatten. Andere haben sich ganz bewusst ein Kind gewünscht, bereuen diese Entscheidung aber später, weil das Muttersein nicht das hält, was ihnen die Gesellschaft davon versprochen hat (15).

Nicht jede Frau kann Mutter werden

Manche Menschen wünschen sich ganz bewusst ein Kind, können aber aus unterschiedlichen Gründen keine Eltern werden oder ihre Elternrolle nicht weiter ausüben. Das kann daran liegen, dass sie nicht schwanger werden können, ein Kind verlieren, nach einer Scheidung den Kontakt zu ihren Stiefkindern verlieren, das Sorgerecht verlieren oder nicht mehr in der Lage sind, sich um ein Kind zu kümmern. Aktuelle Zahlen dazu sind schwer zu finden. Einer Schätzung aus dem Jahr 2002 zufolge waren etwa 3 % aller Frauen ungewollt kinderlos (16).

Die verfügbaren Daten bilden vermutlich nur unzureichend ab, wie viele Frauen und Menschen mit Menstruationszyklus gerne Eltern wären, es aber aus irgendeinem Grund nicht sein können. Wir wissen jedoch, dass etwa eine von 100 Schwangerschaften mit einer stillen Geburt endet (17) und weltweit schätzungsweise 186 Millionen Menschen von Unfruchtbarkeit betroffen sind (18). Aus politischen, finanziellen oder ökologischen Gründen erscheint es manchen Menschen unmöglich, Kinder zu bekommen. Arbeitslosigkeit, unsichere Beschäftigungsverhältnisse und eine instabile Wohnsituation führen dazu, dass viele Menschen ihren Kinderwunsch aufschieben oder ganz aufgeben (19).

Raum für alle Mütter schaffen

Es gibt viele Wege zum Muttersein, und keiner davon ist frei von Herausforderungen. Für manche Menschen ist es eine wunderschöne, lebensverändernde Erfahrung, Mutter zu werden. Doch für etwa 20 bis 25 % der Frauen machen perinatale Depressionen und andere Stimmungsstörungen die Schwangerschaft und die Zeit nach der Geburt zu einer belastenden, manchmal sogar beängstigenden Phase (20). Traditionelle Geschlechterrollen und die Ungleichbehandlung der Geschlechter erschweren das Muttersein zusätzlich. Sie führen auch dazu, dass manche Menschen ihren Kinderwunsch aufschieben oder ganz aufgeben (19). In den USA und Großbritannien sorgt systemischer Rassismus in der Geburtshilfe dafür, dass Schwarze Mütter während und nach der Schwangerschaft häufiger Komplikationen erleiden und ein höheres Sterberisiko haben (21). In den USA ist das Risiko, an den Folgen einer Schwangerschaft zu sterben, für Schwarze Frauen, indigene Amerikaner:innen und indigene Frauen aus Alaska mindestens dreimal so hoch (22). Weltweit haben Migrant:innen und Frauen aus ethnischen Minderheiten seltener Zugang zu einer optimalen medizinischen Versorgung rund um Schwangerschaft und Geburt (23).

Mütter brauchen Unterstützung von Freund:innen, Familie und ihrem Umfeld (24). Doch zwischen vollen Terminkalendern und fehlenden Unterstützungsangeboten bleiben viele mit ihren Herausforderungen allein. Mütter, die ausreichend Unterstützung bekommen, erkranken seltener an einer postpartalen Depression (25). Außerdem gelingt es ihnen häufiger, den Kreislauf von Kindesmisshandlung über mehrere Generationen hinweg zu durchbrechen (26). Auch ihre Babys erreichen wichtige Meilensteine in ihrer kognitiven Entwicklung mit höherer Wahrscheinlichkeit (27).

Mütter wertzuschätzen bedeutet viel mehr, als ihnen zum Muttertag eine Karte zu schicken. Wirklich Raum für Mütter zu schaffen heißt auch, politische Rahmenbedingungen zu verändern, damit der Weg zum Elternsein weniger gefährlich wird. Dazu gehören Gesetze, die gesundheitliche Komplikationen und Todesfälle im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt reduzieren. Auch finanziell sollte Muttersein weniger Risiken mit sich bringen. Denn neben den Kosten für die Kinderbetreuung bedeutet es häufig auch Einkommenseinbußen und geringere Rentenansprüche. Und es bedeutet, Mütter aller Geschlechter mitzudenken: LGBTQ+-Eltern kommen in der gesellschaftlichen Diskussion über das Muttersein noch immer viel zu selten vor (28).

Das verbreitete Bild, dass alle Mütter bereit und in der Lage sein müssen, alles für ihre Kinder zu opfern, lässt wenig Raum für unterschiedliche Bedürfnisse und Lebensentwürfe. Wenn wir anders über das Muttersein sprechen, können wir allen Müttern einen Platz geben: denen, die sich gegen das Stillen entscheiden, denen, die mit Depressionen kämpfen, denen, die eine beängstigende Schwangerschaft erlebt haben, denen, die ohne Partner:in Kinder großziehen, und denen, die Mutter geworden sind, obwohl sie sich das eigentlich nicht ausgesucht haben. Muttersein ist nie einfach oder unkompliziert. Und auch wenn es schwerfällt, all seine Widersprüche und Herausforderungen zu begreifen, können wir den Weg ein bisschen leichter machen, wenn wir allen Müttern Raum geben.

Mit Clue Schwangerschaft möchten wir allen Müttern Raum geben.

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