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Lesezeit: 19 min

Postpartale Psychose: Warum wird erst nach einer Tragödie darauf aufmerksam gemacht?

Der Prozess gegen Lindsay Clancy, die wegen Mordes an ihren drei Kindern angeklagt ist, endete am 4. September ohne Urteil. Nach sieben Tagen Beratung waren sich elf Geschworene einig, während eine Person eine andere Auffassung vertrat. Daraufhin erklärte das Gericht den Prozess für gescheitert. Die Staatsanwaltschaft von Plymouth County im US-Bundesstaat Massachusetts hat noch nicht bekannt gegeben, ob es zu einem neuen Prozess kommen wird (1,2).

Während des gesamten Prozesses waren die psychiatrischen Gutachten umstritten (1). Dieser Artikel versucht nicht, zu einer Schlussfolgerung zu gelangen, die auch die Geschworenen nicht ziehen konnten.

Doch die öffentliche Reaktion auf den Fall zeigt uns etwas Wichtiges.

Neben dem Entsetzen über den Tod der drei Kinder gab es eine große Welle des Mitgefühls für die Frau, die beschuldigt wird, sie getötet zu haben. Für manche Menschen scheint dieses Mitgefühl fehl am Platz zu sein, als würde die Anerkennung einer möglichen schweren psychischen Erkrankung die Bedeutung der verlorenen Leben schmälern. Andere, insbesondere Mütter, hat der Fall auf eine andere Weise tief berührt. Sie sehen eine Frau, deren psychischer Zustand sich nach der Geburt zunehmend verschlechterte und die trotz mehrfacher Kontakte mit dem Gesundheitssystem nicht die Hilfe erhielt, die sie brauchte.

Wir müssen nicht entscheiden, welche Darstellung dieses Einzelfalls zutrifft, um zu verstehen, warum er so starke Reaktionen ausgelöst hat.

Wir betrachten Mutterliebe als die stärkste und instinktivste Form der Liebe überhaupt. Wenn eine Mutter ihren Kindern etwas antut, sucht die Öffentlichkeit deshalb schnell nach moralischen Erklärungen. Sie muss grausam, egoistisch oder sogar berechnend sein. Ein Monster. Die postpartale Psychose stellt uns jedoch vor eine viel schwierigere Möglichkeit: dass ein Mensch seine Kinder lieben und während einer schweren psychiatrischen Erkrankung gleichzeitig die Fähigkeit verlieren kann, die Realität richtig wahrzunehmen.

Genau das kann eine Psychose bewirken. Diese Erklärung ist kein Urteil und macht das Leid, das verursacht wurde, nicht geringer. Doch unsere Schwierigkeit, beide Vorstellungen gleichzeitig zu akzeptieren, trägt dazu bei, dass die postpartale Psychose nach wie vor so wenig verstanden wird.

Derzeit wird viel darüber diskutiert, was nach einer solchen Tragödie geschehen sollte. Doch die eigentliche Frage betrifft die öffentliche Gesundheit: Warum wird eine seltene, aber behandelbare psychiatrische Notfallsituation noch immer meist erst dann wahrgenommen, wenn bereits etwas Katastrophales passiert ist?

Eine postpartale Psychose ist keine extreme Form des Babyblues

Eine postpartale Psychose ist eine seltene, aber schwere psychische Erkrankung, die nach der Geburt auftritt. Zu den Symptomen können Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Manie, schwere Depressionen, Paranoia, Verwirrtheit oder Verhaltensweisen gehören, die für die betroffene Person völlig untypisch sind (3,4).

Eine Wahnvorstellung ist eine feste Überzeugung, die nicht der Realität entspricht. Betroffene können beispielsweise glauben, dass sie selbst oder ihr Baby über besondere Kräfte verfügen, dass andere Menschen ihnen schaden wollen oder dass sie Botschaften oder Anweisungen von einer äußeren Macht erhalten. Bei Halluzinationen hören, sehen, riechen oder fühlen Menschen Dinge, die in Wirklichkeit nicht vorhanden sind.

Doch eine postpartale Psychose äußert sich oft anders, als sich die meisten Menschen eine Psychose vorstellen. In den meisten Fällen stehen Veränderungen der Stimmung im Vordergrund. In der bislang größten Studie zu den Erscheinungsformen der postpartalen Psychose wurden bei 130 Frauen unterschiedliche Krankheitsbilder festgestellt: 34 % zeigten manische, 41 % depressive und 25 % atypische, delirähnliche Symptome (3).

Zu den ersten Warnzeichen können schwere Schlaflosigkeit, ungewöhnlich viel Energie, rasende Gedanken, Unruhe, Reizbarkeit und extreme Stimmungsschwankungen gehören (3). Die Symptome können sich außerdem sehr schnell verändern, manchmal innerhalb weniger Stunden. Das ist einer der Gründe, warum die Erkrankung häufig unbemerkt bleibt (3). Eine Frau kann sich um drei Uhr morgens in einer akuten psychischen Krise befinden und um zehn Uhr, wenn jemand sie sieht, ruhig wirken und sich klar ausdrücken (3).

Eine postpartale Psychose entwickelt sich normalerweise innerhalb der ersten zwei Wochen nach der Geburt, häufig schon nach wenigen Tagen. Sie kann auch später auftreten, allerdings ist das seltener (3,4).

Da sich die Erkrankung schnell entwickeln kann und Betroffene ihren eigenen Zustand häufig nicht als krankhaft erkennen, gilt die postpartale Psychose als psychiatrischer Notfall, der umgehend behandelt werden muss (4).

Diese fehlende Krankheitseinsicht ist entscheidend. Menschen mit psychischen Problemen raten wir normalerweise, sich Hilfe zu holen. Doch dieser Rat greift zu kurz, wenn ein Merkmal der Erkrankung gerade darin besteht, nicht erkennen zu können, dass man Hilfe braucht.

Partner:innen, Angehörige, Freund:innen und medizinisches Fachpersonal müssen deshalb darauf vorbereitet sein, im Interesse der betroffenen Person zu handeln.

Was in der Berichterstattung oft untergeht: Die meisten Frauen mit einer postpartalen Psychose tun niemandem etwas an. Wenn die Erkrankung tödlich endet, ist es häufiger die Mutter selbst, die stirbt (5).

In den USA sterben innerhalb des ersten Jahres nach der Geburt mehr Frauen an den Folgen psychischer Erkrankungen als an Blutungen und Herzerkrankungen zusammen. Die meisten dieser Todesfälle gelten als vermeidbar (6,7).

Hormone können eine Rolle spielen, erklären aber nicht alles

Es gibt keine einzelne bekannte Ursache für eine postpartale Psychose. Nach der Geburt verändern sich die Fortpflanzungshormone abrupt. Gleichzeitig kommt es zu Veränderungen des Immunsystems, des Schlafs, der Stressreaktionen und der inneren Uhr des Körpers. Forschende vermuten, dass diese Veränderungen bei Menschen, die bereits eine entsprechende Anfälligkeit haben, als biologische Auslöser wirken (5).

Doch die Erkrankung lässt sich nicht allein auf Hormone zurückführen. Nach jeder Geburt verändert sich der Hormonhaushalt, während nur etwa ein bis zwei von 1.000 Menschen eine postpartale Psychose entwickeln (4,8).

Genetische Faktoren, eine persönliche oder familiäre Vorgeschichte schwerer psychischer Erkrankungen, Veränderungen bei der Medikamenteneinnahme, Komplikationen während der Geburt und erhebliche Schlafstörungen können ebenfalls eine Rolle spielen (5,8,9).

Manche Menschen haben ein höheres Risiko, eine postpartale Psychose zu entwickeln, als andere. Dazu gehören Personen mit einer Bipolar-I-Störung, einer schizoaffektiven Störung oder einer früheren postpartalen Psychose.

Bei Frauen mit einer bipolaren Störung liegt das Risiko für eine psychische Krankheitsepisode nach der Geburt bei etwa einer von sechs. Einer Metaanalyse zufolge könnte sogar eine von fünf betroffen sein (5,8).

Bei Frauen, die bereits eine postpartale Psychose erlebt haben, liegt das Risiko für eine erneute Episode nach einer weiteren Geburt bei ungefähr einem Drittel (5,10).

Auch eine familiäre Vorgeschichte mit postpartaler Psychose oder bipolarer Störung erhöht das Risiko. Gleiches gilt für eine erste Schwangerschaft (10,11).

Menschen mit einem bekanntermaßen erhöhten Risiko sollten idealerweise bereits während der Schwangerschaft eine spezialisierte perinatale Versorgung im Bereich der psychischen Gesundheit erhalten.

Dazu kann ein schriftlicher Behandlungsplan gehören, der die Medikamenteneinnahme, Strategien zum Schutz des Schlafs, frühe Warnzeichen psychischer Erkrankungen, Notfallkontakte und die unmittelbar nach der Geburt notwendigen Maßnahmen festhält.

In weiten Teilen der USA besteht die größte Schwierigkeit allerdings darin, überhaupt eine entsprechend spezialisierte Fachperson zu finden.

Eine postpartale Psychose kann jedoch auch bei Menschen auftreten, die zuvor keinerlei psychiatrische Vorgeschichte hatten. Und das ist keineswegs eine seltene Ausnahme.

Etwa die Hälfte der Frauen, die eine postpartale Psychose entwickeln, hatte zuvor keine diagnostizierte schwere psychische Erkrankung (12). Für diese Familien ist die Krankheitsepisode selbst das erste Anzeichen einer entsprechenden Anfälligkeit.

Das verdeutlicht, wie wichtig es ist, allen Menschen während der Perinatalzeit Untersuchungen zur Früherkennung psychischer Erkrankungen und Zugang zu geeigneten Hilfsangeboten zu ermöglichen.

Ein Gesundheitssystem, das nur bekannte Risikofaktoren berücksichtigt, wird ungefähr die Hälfte der Menschen übersehen, die es eigentlich erkennen und unterstützen müsste.

Die ersten Warnzeichen sehen möglicherweise nicht nach einer Psychose aus

Eine postpartale Psychose kann leicht mit Erschöpfung, Angstzuständen oder den emotionalen Belastungen verwechselt werden, die mit der Versorgung eines Neugeborenen einhergehen.

Was sie normalerweise davon unterscheidet, ist die Geschwindigkeit, Intensität und ungewöhnliche Art der Veränderungen (3).

Zu den ersten Warnzeichen können gehören:

  • Nicht schlafen können, selbst wenn das Baby schläft oder von jemand anderem betreut wird

  • Ungewöhnlich viel Energie haben oder das Gefühl, überhaupt keinen Schlaf zu brauchen

  • Rasende Gedanken haben oder deutlich schneller sprechen als gewöhnlich

  • Starke innere Unruhe, Rastlosigkeit oder Reizbarkeit

  • Schnelle und extreme Stimmungsschwankungen

  • Verwirrtheit oder Schwierigkeiten, einem Gespräch zu folgen

  • Paranoia oder starkes Misstrauen

  • Das Gefühl, beobachtet, kontrolliert oder verfolgt zu werden oder für eine besondere Aufgabe auserwählt zu sein

  • Überzeugungen, die unmöglich erscheinen oder keinen Bezug zur Realität haben

  • Dinge sehen oder hören, die andere Menschen nicht wahrnehmen

  • Verhaltensweisen zeigen, die völlig untypisch für die betroffene Person sind (3,4)

Besonders kompliziert ist die Rolle des Schlafs.

Es macht einen Unterschied, ob frischgebackene Eltern immer wieder von ihrem Baby geweckt werden oder ob jemand selbst dann nicht schlafen kann, wenn die Gelegenheit dazu besteht, oder plötzlich das Gefühl hat, überhaupt keinen Schlaf mehr zu benötigen.

Schlafmangel kann die Anfälligkeit für eine Manie oder Psychose erhöhen. Gleichzeitig kann Schlaflosigkeit auch ein frühes Anzeichen dafür sein, dass eine Krankheitsepisode bereits begonnen hat (8).

Partner*innen und Familienangehörige bemerken solche Veränderungen möglicherweise früher als die betroffene Person selbst.

Wenn plötzlich der Eindruck entsteht, dass jemand überhaupt nicht mehr „wie sonst“ ist, sollte das ernst genommen werden, besonders in den ersten Wochen nach der Geburt.

Dennoch verlassen wir uns derzeit stark darauf, dass frischgebackene Eltern und ihre Familien eine Erkrankung erkennen, von der die meisten zuvor noch nie gehört haben.

Nicht jeder beängstigende Gedanke ist ein Zeichen für eine Psychose

Die intensive Medienberichterstattung über seltene Tragödien kann Menschen verunsichern, die nach der Geburt wesentlich häufigere psychische Beschwerden erleben.

Deshalb ist es wichtig, die verschiedenen Erkrankungen genau voneinander abzugrenzen und ihre Häufigkeit richtig einzuordnen.

Etwa 50 bis 80 % der frischgebackenen Mütter erleben einen Babyblues. Ungefähr eine von acht Frauen entwickelt eine postpartale Depression (13). Eine postpartale Psychose betrifft dagegen nur ein bis zwei von 1.000 Menschen (4,8).

Der Babyblues kann in den ersten Tagen nach der Geburt zu häufigem Weinen, Reizbarkeit, Angstgefühlen und Stimmungsschwankungen führen. Die Beschwerden sind normalerweise zwischen dem dritten und fünften Tag am stärksten.

In der Regel klingen sie innerhalb von zwei Wochen ab und gehen nicht mit einem Verlust des Realitätsbezugs einher (13,14).

Eine postpartale Depression ist durch eine anhaltend gedrückte Stimmung gekennzeichnet. Weitere Symptome können Interessenverlust, Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle, Veränderungen des Schlafs oder Appetits sowie Gedanken an den Tod oder an Selbstverletzung sein.

Die Erkrankung kann schwerwiegend sein und eine Behandlung erfordern. Die meisten Menschen mit einer postpartalen Depression verlieren jedoch nicht den Bezug zur Realität.

In seltenen Fällen kann eine schwere Depression mit psychotischen Symptomen einhergehen. Dabei handelt es sich um ein anderes und schwerwiegenderes Krankheitsbild (3).

Eine postpartale Zwangsstörung kann mit beängstigenden, aufdringlichen Gedanken oder Bildern verbunden sein, in denen dem Baby etwas Schlimmes zustößt.

Diese Gedanken sind für die betroffene Person meist äußerst belastend und stehen im Widerspruch zu ihren tatsächlichen Wünschen. Sie lösen gerade deshalb Angst aus, weil die Person ihren Inhalt als schrecklich empfindet.

Ein aufdringlicher Gedanke bedeutet nicht, dass jemand danach handeln möchte. Er ist auch kein Hinweis darauf, dass die Person tatsächlich Schaden anrichten wird.

Eine psychotische Wahnvorstellung ist etwas anderes. Sie wird nicht als unerwünschter Gedanke erlebt, sondern als Wahrheit.

Tatsächlich haben die meisten Menschen mit einer postpartalen Psychose überhaupt keine Gedanken daran, jemandem Schaden zuzufügen.

In seltenen Fällen kann eine Wahnvorstellung jedoch dazu führen, dass es der betroffenen Person gerechtfertigt erscheint, jemandem etwas anzutun.

Das Risiko einer Kindstötung bei einer unbehandelten postpartalen Psychose wird auf 1 bis 4 % geschätzt (8).

Diese seltene und besonders schwere Ausprägung der postpartalen Psychose dominiert die Medienberichterstattung und verzerrt das öffentliche Verständnis der Erkrankung insgesamt.

Menschen sollten über aufdringliche Gedanken sprechen können, die ihnen Sorgen bereiten, ohne befürchten zu müssen, deshalb als gefährlich angesehen zu werden.

Nur qualifiziertes medizinisches Fachpersonal kann beurteilen, was bestimmte Symptome im Einzelfall bedeuten.

Wenn alle psychischen Probleme nach der Geburt in dieselbe beängstigende Kategorie eingeordnet werden, verstärkt das die Stigmatisierung. Gleichzeitig sinkt dadurch die Bereitschaft der Betroffenen, offen über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Das Tragische daran ist, dass eine postpartale Psychose behandelbar ist

Eine postpartale Psychose ist eine schwere Erkrankung, aber sie ist behandelbar, und viele Betroffene erholen sich vollständig. Wird die Erkrankung frühzeitig erkannt und behandelt, ist die langfristige Prognose gut (4).

Die Behandlung erfordert in der Regel einen Krankenhausaufenthalt. Dabei können Antipsychotika, Stimmungsstabilisatoren wie Lithium, schlaffördernde Medikamente und in manchen Fällen auch eine Elektrokrampftherapie zum Einsatz kommen (3,4).

Die Herausforderung besteht darin, einen geeigneten Behandlungsort zu finden.

Im Vereinigten Königreich, in Australien, Neuseeland und weiten Teilen Westeuropas gibt es spezialisierte Mutter-Kind-Einheiten, in denen Mütter gemeinsam mit ihren Babys aufgenommen werden. So können Frauen psychiatrisch behandelt werden, ohne von ihrem Baby getrennt zu sein, und erhalten gleichzeitig Unterstützung bei der Versorgung ihres Kindes.

In den USA gibt es kein vergleichbares Versorgungssystem.

Das landesweite Verzeichnis von Postpartum Support International führt für die gesamten USA lediglich fünf stationäre psychiatrische Behandlungsprogramme für die Perinatalzeit auf. Sie befinden sich in Arkansas, Kalifornien, Louisiana, New York und North Carolina. In den übrigen 45 Bundesstaaten gibt es kein solches Angebot.

Die Einrichtung an der University of North Carolina war bei ihrer Eröffnung im Jahr 2011 die erste ihrer Art. Sie verfügt über fünf Betten. Keines der fünf Programme ermöglicht es, dass das Baby über Nacht bei seiner Mutter bleibt (15,16).

In etwa zwei Dutzend Bundesstaaten gibt es teilstationäre oder intensive ambulante Behandlungsprogramme für die psychische Gesundheit während der Perinatalzeit. Für Menschen mit einer akuten Psychose sind diese Angebote jedoch keine geeignete Option (16).

Deshalb findet die Behandlung in den meisten Teilen des Landes normalerweise auf einer allgemeinen psychiatrischen Station statt – ohne spezialisierte perinatale Betreuung, ohne Stillberatung und ohne das eigene Baby.

Mütter beschreiben diese Trennung als zutiefst traumatisch und als Hindernis für ihre Genesung. Manche suchen gerade deshalb keine Hilfe, weil sie Angst vor einer solchen Trennung haben (17).

Die schwersten Symptome können mehrere Wochen anhalten. Die vollständige Genesung dauert jedoch häufig sechs bis zwölf Monate oder länger. Manche Betroffene entwickeln anschließend eine Depression oder haben Schwierigkeiten, das zu verarbeiten, was während ihrer Erkrankung passiert ist. Kontinuierliche psychologische Betreuung und praktische Unterstützung können in dieser Zeit helfen.

Das Risiko einer erneuten Krankheitsepisode nach einer weiteren Geburt ist erheblich (5,10). Das bedeutet jedoch nicht, dass eine weitere Schwangerschaft ausgeschlossen ist.

Eine Beratung vor einer erneuten Schwangerschaft, spezialisierte Betreuung, gegebenenfalls vorbeugende Medikamente, Maßnahmen zum Schutz des Schlafs und ein klarer Plan für die Zeit nach der Geburt können dafür sorgen, dass Betroffene bei auftretenden Symptomen schnell behandelt werden (5).

Der schmerzhafte Widerspruch besteht darin, dass wir viele der Risikofaktoren kennen. Wir kennen viele der frühen Warnzeichen. Wir wissen, dass die Erkrankung schnell fortschreiten kann. Und wir wissen, dass eine Behandlung wirksam sein kann.

Trotzdem müssen Familien oft darum kämpfen, dass ihre Sorgen ernst genommen werden.

Bei Verdacht auf eine postpartale Psychose ist noch am selben Tag Hilfe nötig

Wenn du vermutest, dass jemand eine postpartale Psychose hat, warte nicht ab, ob die Symptome von selbst verschwinden. Die betroffene Person braucht dringend eine psychiatrische Untersuchung, und zwar noch am selben Tag.

Wende dich an die medizinische Fachperson, die du am schnellsten erreichen kannst. Das kann eine gynäkologische Fachperson, eine Hebamme, die Kinderarztpraxis des Babys oder eine psychiatrische Fachperson sein. Wenn die betroffene Person bereits perinatalpsychiatrisch betreut wird, kannst du dich auch direkt an das zuständige Behandlungsteam wenden. Eine örtliche Krisenberatungsstelle ist ebenfalls eine mögliche Anlaufstelle.

Wenn unmittelbare Gefahr für die Mutter oder das Baby besteht, rufe den örtlichen Notruf an oder begib dich in die nächstgelegene Notaufnahme.

Erkläre ausdrücklich, dass die betroffene Person vor Kurzem entbunden hat und du eine postpartale Psychose vermutest. Wenn du die Erkrankung konkret benennst, kann das beeinflussen, wie dringend die Situation eingestuft wird und wie schnell die Person medizinische Hilfe erhält.

Lass die betroffene Person bis zum Eintreffen der Hilfe nicht allein und übertrage ihr nicht die alleinige Verantwortung für das Baby.

Bleib ruhig und versuche nicht, mit ihr über Wahnvorstellungen oder ungewöhnliche Überzeugungen zu diskutieren. Nimm ernst, dass sie möglicherweise Angst hat oder überfordert ist, und konzentriere dich darauf, sie an einen sicheren Ort zu bringen.

Notiere wichtige Einzelheiten und nimm diese Informationen zur Untersuchung mit. Dazu gehören beispielsweise der zeitliche Verlauf der Symptome, wie viele Stunden die betroffene Person geschlafen hat, konkrete Aussagen und Veränderungen ihres Verhaltens.

Da die Symptome schwanken können, vermittelt ein einzelnes Gespräch in der Notaufnahme möglicherweise nicht das vollständige Bild dessen, was die Familie zu Hause beobachtet hat.

Wenn die erste medizinische Fachperson deine Sorgen nicht ernst nimmt und die Symptome anhalten oder sich verschlimmern, suche erneut Hilfe. Wende dich gegebenenfalls an eine andere Einrichtung und bitte ausdrücklich um eine weitere Untersuchung.

Aufklärung allein kann die Mängel eines unzureichenden Gesundheitssystems nicht ausgleichen

Die Versorgung nach der Geburt ist in den USA strukturell zersplittert. Die geburtshilfliche Betreuung endet häufig, ohne dass eine klare Übergabe an einen anderen Versorgungsbereich stattfindet.

Die Person, die das Kind geboren hat, erhält normalerweise etwa sechs Wochen nach der Geburt eine einzige Nachuntersuchung. Das Baby wird im selben Zeitraum dagegen möglicherweise vier- oder fünfmal ärztlich untersucht.

Das bedeutet, dass die Kinderärztin oder der Kinderarzt unter Umständen die einzige medizinische Fachperson ist, die eine Mutter sieht, deren psychischer Zustand sich zunehmend verschlechtert. Kinderärzt*innen sind jedoch weder speziell dafür ausgebildet noch werden sie dafür bezahlt, die psychische Gesundheit der Mutter zu behandeln.

Auch Notaufnahmen, Hausarztpraxen und psychiatrische Einrichtungen sehen möglicherweise jeweils nur einen Teil des Gesamtbildes.

Die üblichen Untersuchungen zur Früherkennung einer postpartalen Depression erfassen die Warnzeichen ebenfalls nicht unbedingt.

Instrumente wie die Edinburgh-Postnatal-Depressions-Skala wurden hauptsächlich entwickelt, um Depressionen zu erkennen.

Sie fragen nicht direkt nach Manie, Verwirrtheit, einem verminderten Schlafbedürfnis oder schnellen Verhaltensänderungen.

Viele medizinische Fachkräfte werden außerdem nur unzureichend darin geschult, eine postpartale Psychose zu erkennen. Das gilt insbesondere dann, wenn bei der betroffenen Person keine schwere psychische Vorerkrankung bekannt ist (3).

Auch die diagnostische Einordnung der Erkrankung erschwert die Situation.

Die postpartale Psychose hat im DSM, dem wichtigsten psychiatrischen Diagnosehandbuch der USA, keine eigene Diagnosekategorie. Zudem ist der dort definierte Zeitraum für den Beginn psychischer Erkrankungen nach der Geburt enger gefasst als der Zeitraum, den medizinische Fachkräfte in der klinischen Praxis berücksichtigen (5,18).

Ohne eigene Diagnosekriterien kann die Erkrankung je nach behandelnder Fachperson unterschiedlich erkannt und dokumentiert werden.

Ein weiteres Hindernis ist der Zugang zur medizinischen Versorgung.

Die meisten US-Bundesstaaten haben den Versicherungsschutz durch Medicaid, ein staatliches Gesundheitsversicherungsprogramm, auf ein volles Jahr nach der Schwangerschaft ausgeweitet. Das ist ein echter Fortschritt.

Doch eine Krankenversicherung bedeutet nicht automatisch, dass auch eine psychiatrische Fachperson verfügbar ist. In großen Teilen des Landes fehlt es weiterhin an einer ausreichenden Versorgung.

Auch Angst kann Frauen davon abhalten, offen über ihre Beschwerden zu sprechen.

Eine Mutter könnte befürchten, verurteilt, von ihrem Baby getrennt oder als ungeeignet für die Elternrolle angesehen zu werden (18).

Selbst wenn eine Familie um Hilfe bittet, kann sie mit langen Wartezeiten konfrontiert werden oder zwischen verschiedenen Einrichtungen hin- und hergeschickt werden, die nicht ausreichend auf solche Situationen vorbereitet sind.

Aufklärungskampagnen können weder den Mangel an spezialisierten Behandlungsplätzen beheben noch eine unzureichende Koordination zwischen den Versorgungsbereichen ausgleichen.

Von Familien kann nicht erwartet werden, dass sie einen psychiatrischen Notfall allein bewältigen, nur weil ihnen erklärt wurde, auf welche Warnzeichen sie achten sollen.

Eine bessere Versorgung würde für Frauen mit erhöhtem Risiko bereits vor der Geburt beginnen.

Dazu gehören medizinische Fachkräfte, die die frühen Warnzeichen kennen, ein klar geregelter Zugang zu einer psychiatrischen Notfalluntersuchung und Behandlungsmöglichkeiten, bei denen Mutter und Baby nach Möglichkeit zusammenbleiben können.

Dazu gehört auch, Familien ernst zu nehmen, wenn sie berichten, dass sich ein ihnen nahestehender Mensch plötzlich und grundlegend verändert hat.

Auch wie wir danach handeln, ist eine Entscheidung

Es lohnt sich, einen Blick darauf zu werfen, wie unterschiedlich andere Länder mit solchen Fällen umgehen.

In England und Wales erkennt das Gesetz bereits seit 1938 an, dass die psychische Verfassung einer Frau durch die Folgen einer Geburt beeinträchtigt sein kann. Der sogenannte Infanticide Act 1938 ermöglicht es, Fälle, in denen ein Kind unter zwölf Monaten zu Tode kommt, strafrechtlich anders als Mord zu behandeln (19).

Rund zwei Dutzend Länder verfügen über vergleichbare gesetzliche Regelungen (20,21).

In den USA gibt es kein entsprechendes Gesetz (20,21). Illinois ist der einzige US-Bundesstaat, in dessen Strafgesetzbuch psychische Erkrankungen nach der Geburt ausdrücklich erwähnt werden – und auch dort nur als möglicher Strafmilderungsgrund bei der Strafzumessung nach einer Verurteilung (22).

In allen anderen Bundesstaaten muss sich die Verteidigung auf die jeweiligen gesetzlichen Regelungen zur Schuldunfähigkeit aufgrund einer psychischen Erkrankung stützen. Diese wurden ursprünglich mit Blick auf andere Erkrankungen entwickelt.

Die Gesetze unterscheiden sich erheblich von Bundesstaat zu Bundesstaat. Einige haben die Möglichkeit, sich auf Schuldunfähigkeit wegen einer psychischen Erkrankung zu berufen, sogar vollständig abgeschafft.

Auch eine postpartale Psychose im Nachhinein nachzuweisen, kann schwierig sein.

Sachverständige werden möglicherweise erst Monate oder Jahre später damit beauftragt, den psychischen Zustand einer Frau zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt zu beurteilen.

Dabei müssen sie sich auf Krankenakten stützen, die unterschiedliche Diagnosen oder überhaupt keine Diagnose enthalten können. Hinzu kommen Berichte über Symptome, die sich im Laufe der Zeit möglicherweise verändert haben.

Da etwa die Hälfte der Frauen, die eine postpartale Psychose entwickeln, keine dokumentierte psychiatrische Vorgeschichte hat, ist es noch schwieriger, die Erkrankung rückblickend zu rekonstruieren (18).

Eine medizinische Diagnose entscheidet nicht über die strafrechtliche Verantwortung.

Wenn das Gesetz jedoch verlangt festzustellen, ob eine Frau zum Tatzeitpunkt verstand, was sie tat, können Lücken in ihrer Krankenakte und die schnell wechselnden Symptome der Erkrankung eine angemessene Verteidigung erschweren.

Deshalb lief der Fall Clancy letztlich auf eine Alles-oder-nichts-Entscheidung über die strafrechtliche Verantwortung hinaus.

Zwölf Geschworene ohne psychiatrische Fachkenntnisse mussten über einen psychischen Zustand urteilen, den selbst die Psychiatrie nicht vollständig beschreiben kann (1,2). Dass sie dabei zu keiner einstimmigen Entscheidung kamen, ist daher kaum überraschend.

Mitgefühl für einen Menschen, der beschuldigt wird, schreckliches Leid verursacht zu haben, ist nicht dasselbe wie ein Freispruch.

Es kann Ausdruck der Erkenntnis sein, dass sich psychische Erkrankungen und persönliche Verantwortung nicht ohne Weiteres in die Kategorien „Opfer“ oder „Monster“ einordnen lassen.

Dahinter kann auch die Wut darüber stehen, dass die Gefahren psychischer Erkrankungen nach der Geburt erst dann landesweite Aufmerksamkeit erhalten, wenn es längst zu spät ist.

Vielleicht wird ein Gericht eines Tages über die strafrechtliche Verantwortung dieser Frau entscheiden.

Doch unabhängig davon, wie die Entscheidung ausfällt, wird sie die grundlegendere Frage nicht beantworten, die dieser Fall aufwirft: Warum behandeln wir die postpartale Psychose weiterhin wie ein kaum bekanntes Randthema und reagieren dann schockiert, wenn Familien die Erkrankung nicht erkennen?

Es sollte nicht erst eine Tragödie passieren müssen, damit der Realitätsverlust einer Mutter als medizinischer Notfall erkannt wird.

Wo du im Notfall Hilfe findest

  • In Deutschland kannst du bei einem psychiatrischen Notfall die 112 wählen. Für dringende medizinische Hilfe außerhalb der regulären Sprechzeiten erreichst du den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117.

  • In Österreich erreichst du die Rettung unter 144 oder über den europäischen Notruf 112. Für medizinische Beratung kannst du die Gesundheitshotline 1450 anrufen.

  • In der Schweiz erreichst du den Rettungsdienst unter 144 oder über den europäischen Notruf 112. Für medizinische Beratung kannst du dich an den ärztlichen Notfalldienst deines Kantons wenden.

Wichtig: Bei Verdacht auf eine postpartale Psychose ist eine dringende psychiatrische Untersuchung erforderlich, möglichst noch am selben Tag. Allgemeine Beratungsangebote ersetzen keine psychiatrische Notfallversorgung.

Deine gynäkologische Fachperson, deine Hebamme, die Kinderarztpraxis deines Babys oder ein spezialisierter psychiatrischer Dienst für die Perinatalzeit können dir helfen, schnell eine entsprechende Untersuchung zu organisieren.

Où trouver de l’aide en cas d’urgence

  • En France, en cas d’urgence psychiatrique, appelez le 15 (SAMU) ou le 112. Pour obtenir des conseils médicaux urgents, vous pouvez également contacter le 15, qui pourra vous orienter vers une prise en charge adaptée.

  • En Belgique, en cas d’urgence psychiatrique, appelez le 112. Pour une assistance médicale non urgente en dehors des heures de consultation habituelles, vous pouvez contacter le 1733, le numéro de la garde médicale.

  • En Suisse romande, en cas d’urgence psychiatrique, appelez le 144 (ambulance) ou le 112. Pour obtenir des conseils médicaux, vous pouvez contacter le service de garde médicale de votre canton.

Important : en cas de suspicion de psychose post-partum, une évaluation psychiatrique urgente est nécessaire, si possible le jour même. Les services d’écoute et de conseil ne remplacent pas une prise en charge psychiatrique d’urgence.

Votre gynécologue-obstétricien·ne, votre sage-femme, le ou la pédiatre de votre bébé ou un service spécialisé en psychiatrie périnatale peuvent vous aider à obtenir rapidement une évaluation adaptée.

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